Was Manager von Olympiasiegern/innen lernen können

von K.Saenger

Über den Umgang mit Leistungsdruck und Rückschlägen

Zum beruflichen Alltag von Führungskräften gehört es, mit Leistungsdruck umzugehen und Rückschläge zu verarbeiten. Erstaunlich ist, dass dieser Umgang erfolgreichen Managern wesentlich besser gelingt, als weniger erfolgreichen. Welche psychologischen Faktoren bei der Bewältigung solcher Situationen eine Rolle spielen und wie diese Faktoren positiv beeinflusst werden können, das erfahren wir, wenn wir einen Blick auf die Personengruppe werfen, die in diesen Tagen absolute Spitzenleistungen erbringen werden.

Am 27. Juli 2012 beginnen in London die Olympischen Sommerspiele. Drei Wochen lang kämpfen über 10.000 Athleten in 302 Wettbewerben um die begehrten Medaillen. Dieser Wettkampf ist eine der größten Herausforderungen, denen sich ein Spitzensportler stellen kann – die Gelegenheit gibt es nur alle vier Jahre und ein Sieg gilt als der Höhepunkt der Karriere. Doch eine Niederlage haftet der Vita eines Spitzensportlers lange an. Allein die herausragende Bedeutung dieses Sportereignisses setzt somit alle Teilnehmer/innen einem besonderen Leistungs- und Erfolgsdruck aus.

Immer wieder spannend zu beobachten ist dabei, wie es einigen Sportlern gelingt, diesem Druck standzuhalten und Spitzenleistungen zu zeigen, während andere hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben. Dieser Frage sind David Fletcher und Mustafa Surkar von der Loughborough University in einer aktuellen Untersuchung nachgegangen. Eine Gruppe von Goldmedaillengewinnern/innen verschiedener Altersgruppen und Sportdisziplinen wurden im Rahmen von Interviews danach befragt, wie es ihnen gelungen ist, dem Leistungsdruck in ihrer Sportlerkarriere standzuhalten und wie sie mit Misserfolgen umgegangen sind.

Zunächst einmal ist festzustellen, dass alle Sportler reichlich Erfahrung im Umgang mit Stress und Erfolgsdruck hatten. Die meisten Athleten gaben sogar an, ohne diese Erfahrungen nie die Goldmedaille gewonnen zu haben.

Erfolgreichen Spitzenathleten gelingt es, Situationen, in denen sie unter Stress und Druck stehen, als Chance zu interpretieren, die es ihnen erlaubt, sich weiterzuentwickeln und ihre Fähigkeiten zu perfektionieren. Dann wird beispielsweise die doppelte Trainingseinheit an den Weihnachtsfeiertagen nicht etwa als ungesellige, familienfeindliche Aktivität angesehen, sondern als Möglichkeit, sich einen Trainingsvorsprung vor dem wichtigsten Konkurrenten zu verschaffen. Im Rahmen dieser Untersuchung konnten klar definierte, psychologische Faktoren herausgearbeitet werden, die die Grundlage dafür darstellen, belastende Situationen in exakt dieser Art und Weise interpretieren zu können:

Positive Persönlichkeit
Charakteristisch für Goldmedaillengewinner sind Offenheit für neue Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, emotionale Stabilität, Optimismus sowie eine proaktive Haltung. Das letztgenannte Merkmal erwies sich als besonders bedeutsam. Es gelingt den erfolgreichen Athleten, Gelegenheiten zu erkennen, die für ihre Entwicklung Chancen bieten, und so auf diese Situationen zu reagieren, dass eine bedeutsame Entwicklung herbeigeführt wird.

Motivation
Olympiasieger haben verschiedene Motive, sich dem sportlichen Wettbewerb zu stellen; dazu gehören Begeisterung für den Sport, der Wille, Leistungsziele zu erreichen, und soziale Anerkennung. Den Top-Athleten war wichtig, dass es ihr eigener, aktiv herbeigeführter Entschluss war, sich den sportlichen Herausforderungen zu stellen, wie überhaupt das Merkmal der Selbstbestimmung für die anhaltend hohe Motivation der Spitzensportler wichtig war.

Vertrauen auf den sportlichen Erfolg
Dieser basiert bei den Olympiasiegern einerseits auf guter Vorbereitung auf den Wettkampf, auf Erfahrung, Coaching, aber auch Unterstützung durch Teamkollegen. Interessant ist, dass Spitzensportler, die kein durchweg hohes Selbstvertrauen besitzen, die Wertschätzung, die ihnen von anderen entgegengebracht wird, nutzen können, um das nötige Vertrauen auf den sportlichen Erfolg zu entwickeln.

Konzentration
Ein wesentlicher Erfolgsfaktor für die Olympiasieger war die Fähigkeit, sich auf die eigene Person und die sportliche Leistung zu konzentrieren, sich nicht von anderen ablenken zu lassen und sich stattdessen stärker auf den Wettkampfverlauf als auf das Ergebnis zu fokussieren. Den erfolgreichen Athleten gelingt es aber auch, ihren Fokus auf den Sport so „an- und abzuschalten“, wie es die jeweiligen Anforderungen bzw. die Lebensumstände erfordern. Die Ablenkung von den sportlichen Aktivitäten wird als wichtiger Ausgleich betrachtet.

Unterstützung durch das soziale Umfeld
Die Goldmedaillengewinner konnten sich auf die Unterstützung durch ihr soziales Umfeld verlassen. Dabei spielen die Familien und Coaches, bei den Mannschaftssportlern zusätzlich die Teamkollegen und Hilfskräfte, eine herausragende Rolle. Das soziale Umfeld ist für die Spitzensportler besonders wichtig, wenn es darum geht, Misserfolgserlebnisse und Rückschläge zu verarbeiten. Die auf Vertrauen und Respekt basierenden Beziehungen halfen den Athleten, mit den dabei erlebten Belastungen umzugehen.

Die beschriebenen fünf Faktoren beeinflussen offenbar maßgeblich die Fähigkeit von Spitzensportlern, mit Leistungs- und Erfolgsdruck bzw. Misserfolgen umzugehen. Daraus lassen sich praktische Konsequenzen ableiten. Es gilt, die Faktoren zu überwachen und das Umfeld des Spitzensportlers so zu gestalten, dass die Faktoren sich auf einem optimalen Niveau und in Balance befinden.

Die Frage, die Sie sich nun stellen, sollte lautet: Lassen sich die Erkenntnisse dieser Untersuchungen auf Ihre Arbeit als Manager übertragen?

Mein Eindruck ist, dass Sie als Manager üblicherweise in einem komplexeren Umfeld unterwegs sind, als der Leistungssportler, und sich vielfältigeren Anforderungen ausgesetzt sehen. Aufgrund meiner Gespräche mit Führungskräften bin ich aber davon überzeugt, dass die optimale Gestaltung der fünf Faktoren auch Ihren beruflichen Erfolg positiv beeinflussen kann. Sprechen Sie darüber doch einmal mit Ihrem Coach oder einer Person Ihres Vertrauens!

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg auf dem Weg zur nächsten beruflichen Goldmedaille und spannende Unterhaltung bei der Verfolgung der Olympischen Wettkämpfe.

In diesem Sinne,

Ihr Klaus Sänger.


Literatur: Fletcher, D. & Sarkar, M. (2012): A grounded theory of psychological resilience in olympic champions, Psychology of Sport and Exercise, 13, 669-678

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